Mein Blick zurück nach vorn

Nur dies, und nicht mehr. // 仅此而已

Nur dies, und nicht mehr. // 仅此而已

Als wir letztes Jahr im August innerhalb von 48 Stunden entscheiden mussten, ob wir hierher ziehen möchten oder nicht, und nachdem dann die Zusage-Mail abgeschickt worden war, erlebten Jürgen und ich ein paar eigenwillige Momente. Ich erinnere mich noch genau an den darauf folgenden Abend. Als ich von einer Art Ganzkörper-Krampf heimgesucht wurde, und Jürgen seinen Zustand mit den Worten beschrieb: ‚Es fühlt sich an, als ob ich ganz aus Butter wäre.‘

Nachdem die Sachlichkeit wieder in unser Denken zurückgekehrt war, lautete mein erster Plan: Alles geht mit. Ungesehen. Möbel, Bücher, Zeitschriftenarchiv, Fotos, CDs, Bilder, Küchenutensilien, Klamotten, Shampoo-Proben. Alles. Ungesehen. War natürlich ein Quatsch-Vorhaben. Es wäre zwar theoretisch durchaus möglich gewesen, einen Schiffscontainer mit unserem Zeugs zu füllen. Aber die Wohnungen hier werden fast ausnahmslos möbliert vermietet, und einen Keller- bzw. Speicherraum gibt es in den meisten Häusern nicht.

Also blieb uns nichts anderes übrig, als großzügig auszusortieren. Anfangs habe ich mich damit arg schwer getan. Aber es wurde mit jedem Tag leichter. Mein Gott, was haben wir alles verschenkt bzw. weggeworfen! Als der Abflugtermin immer näher rückte hieß es eigentlich nur noch: ‚Tafel!‘ (die Wiesbadener Tafel als vorläufige Endstation unserer Kleidung) oder ‚Kiste!‘ (eine große, mit der Aufschrift ‚Bitte mitnehmen‘ versehene Kiste vor unserer Haustüre). War dann interessant mitanzusehen, wie nach wenigen Minuten genau die Dinge einen neuen Besitzer gefunden hatten, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten. Rückblickend bin ich mir allerdings sicher, dass da das eine oder andere mit dabei war, was ich beim zweiten Hinsehen nicht weg gegeben hätte.

Unsere liebsten Einrichtungsgegenstände haben wir an Freunde verliehen. Weil sie viel zu schön sind, um sie planmäßig jahrelang in einer Lagerhalle zu verstecken. Und weil mir nach wie vor der Gedanke gefällt, dass unsere Freunde mit unseren Sachen in der Wohnung ab und an uns denken, und wir so weiterhin ‚vor Ort‘ sein werden. Spätestens bei meinem ersten Heimaturlaub im Sommer habe ich mich darin bestätigt gefühlt. Als ich nämlich unsere Stühle (Judith!) und unsere Leuchten (Diana!) und unseren Fernsehapparat (nochmal Judith!) wieder ‚mitbenutzen‘ konnte.

Besonders schwer habe ich mich mit meinem ersten Handy getan, einem Siemens C25. Sozusagen ein Designklassiker aus dem letzten Jahrtausend. Als ich das auf der Mülldeponie in den Container für Elektroschrott geworfen habe, und es in seiner transparenten Hülle sofort ganz nach unten gepurzelt ist – das, also das, das war schon irgendwie schlimm.

Siemens C25 // 1999 - 2002

Siemens C25 // 1999 - 2002

Wir hatten dann jeder einen Koffer für Kleidung, und eine Alukiste für persönliche Dinge zur Verfügung. Ich hatte eigentlich gedacht, dass in dem Moment, in dem die Kisten ankommen werden, ich es nicht erwarten könnte endlich meine heiß ersehnten Lieblingssachen wieder bei mir zu haben. Aber das war so nicht der Fall. Als die Container etwa 8 Wochen nach unserer Ankunft hier eintrafen, standen sie noch eine weitere Woche ungeöffnet in unserer neuen Wohnung. Und als wir sie endlich ausgepackt haben, mussten wir uns mehr als einmal fragen, was wir uns bei der Auswahl eigentlich gedacht haben.

Ich bin ein bekennender Freund von großen Sentimentalitäten. Ein Papierschnipsel, der in einem für mich wichtigen Moment irgendwann mal eine Rolle gespielt hat, kann mir jahrzehntelang viel bedeuten. Umso überraschter war ich über mich selbst, dass ich hier vor Ort mit einigen Dingen, die mir in Wiesbaden noch als unverzichtbar erschienen, gar nichts mehr anfangen konnte. Und dass Nachrichten oder Anrufe, so wie die Begegnungen während meiner Zeit in Deutschland im Sommer, mir so viel wichtiger geworden sind als irgendwelche Gegenstände, von denen ich glaubte, ohne sie hier nicht sein zu können.

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