Der weite Weg nach Hause

Hongqiao Railway Station // 上海虹橋站

Hongqiao Railway Station // 上海虹橋站

There are 130 million migrant workers in China.
They go home only once a year during Chinese New Year.
This is the world’s largest human migration.

(‚Last Train Home‘ . 2009)

Obwohl meine diesjährige Reise nach Deutschland erst im Juni stattfinden wird, habe ich schon ein bisschen mit den Vorbereitungen begonnen. Weil ich mich sehr auf diese Zeit freue und deshalb generell gerne mit dem Thema beschäftigt bin. Und weil ich in der relativ kurzen Zeit ziemlich viel vorhabe.

Erstes Ziel: Berlin. Alleine die Lufthansa fliegt ab Frankfurt etwa 16x pro Tag in die Hauptstadt. Aber meine favorisierte Wunsch-Abflugzeit war natürlich nicht mehr verfügbar. Typisch!
Nächster Punkt. Ziel: Wien. Diesmal gerne mit der Bahn. Ab Wiesbaden gibt es täglich etwa 8 relevante Verbindungen. Oje, da müsste ich ja bis zu 2x umsteigen. Oder um 4 Uhr früh aufstehen. Um dann 8 Stunden im (wohlgemerkt vollklimatisierten und weich gepolsterten) Zug zu sitzen. Ach, ich weiß nicht. Dann lieber doch fliegen. Auch hier wieder reichlich Kombinationsmöglichkeiten. Und damit verbunden scharenweise Fragezeichen. Am späten Vormittag hin und dann vier Tage später am Nachmittag wieder zurück? Oder lieber ganz zeitig hin und spät abends zurück? Oder doch einen Tag früher fahren?
Zweifelsohne zu viele Entscheidungen auf einmal. Erstmal was anderes machen.

Auf City Weekend, dem nach eigenen Worten besten Lifestyle Magazin für Expats in Shanghai und Peking, stieß ich auf einen Artikel mit dem Titel: The Last Ticket Home. Passte zu meiner Situation, da musste ich mal reinschauen. Der Bericht handelt von den etwa 130 Millionen in China lebenden Wanderarbeitern, die alle einmal im Jahr – und zwar während der zwei Wochen des Chinese New Year – ein Zugticket für die Fahrt nach Hause erwerben möchten. China ist bekanntermaßen ein großes Land, und daher ist mit ‚heimfahren‘ meist eine mehrtägige Reise gemeint. Aber die Probleme beginnen schon wesentlich früher. Nämlich bei dem Versuch, überhaupt einen Fahrschein zu ergattern. Alleine in Shanghai leben schätzungsweise 9 Millionen Wanderarbeiter. 9 Millionen. Selbst wenn man während der Feiertage sämtliche verfügbaren Tickets für diese Menschen reservieren würde – ein Großteil bekäme trotzdem nicht die Möglichkeit, nach Hause zu fahren. Im überfüllten Zug. Um einmal im Jahr die Familie, den Partner und die Kinder zu sehen. Für ein paar kurze Tage.

Heimaturlaub // 探亲假

Heimaturlaub // 探亲假

Auch ein geduldiges und (tatsächlich) tagelanges Anstehen vor zugigen und überfüllten Bahnhofsschaltern, gemeinsam mit tausenden von Landsleuten, die das gleiche Interesse haben und sich in dieser Situation nicht gerade kooperativ verhalten (wie ich es wahrscheinlich auch nicht tun würde), garantiert nicht den gewünschten Erfolg. Wer dann tatsächlich ein, oder im besten Fall sogar mehrere Tickets in der Hand hält, steht vor dem nächsten Problem. Nicht selten ist der Zielbahnhof keineswegs in Sichtweite der Heimatadresse, sondern hunderte von Kilometern davon entfernt. Wie die restliche Strecke bewältigt wird, auch im Hinblick auf den relativ begrenzten Zeitrahmen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Nicht zu vergessen die üppigen Gepäckstücke, die auf den Schultern oder in eigens dafür gebauten Konstruktionen transportiert werden, und die keine Souvenirs sondern existenzielle Dinge wie Kleidung und Essen beinhalten. Oder Werkzeuge für die notwendig gewordenen Reparaturen daheim. Dazu kommen dann noch Winter-Wetter-Kapriolen, die Verspätungen und Ausfälle verursachen, und die damit verbundenen Wartezeiten nicht gerade gemütlich gestalten.

Um dem florierenden Schwarzmarkt in diesem Zusammenhang die Grundlage zu entziehen, wurde eine Neuerung eingeführt, die für uns Ausländer schon länger gilt. Auf die Fahrkarte wird die ID bzw. Pass-Nummer gedruckt, und nur der Inhaber dieses Ausweises kann dann die Reise mit diesem Ticket antreten. Grundsätzlich eine gute Idee, die aber einigen Menschen hier zum Verhängnis wird. Arbeits- und Schalteröffnungs-Zeiten überschneiden sich generell, ein frei verfügbares Kontingent an Urlaubstagen gibt es nicht, und so war der Schwarzmarkt für viele die einzige Möglichkeit, überhaupt an einen Fahrschein zu kommen. Und weil ein Flugticket die Investition eines oder mehrerer Monatslöhne bedeuten würde, ist dies keine relevante Alternative.

Oje, da habe ich mich wohl geirrt.
Passt doch nicht ganz zu meiner Situation.
Geheiztes Zimmer, Tag und Nacht alle erdenklichen Arten von Tickets nur einen Mausklick entfernt, gefüllte Kreditkarte, von Tür-zu-Tür-Routen, Sitzplatzreservierung.
Nur wenn’s Internet nicht geht, dann wird’s kritisch. Ein paar Minuten lang.

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