Haben und Nichthaben

Betteln verboten // 禁止乞讨

Betteln verboten // 禁止乞讨

In einer Stadt wie Shanghai existiert jede auch nur irgendwie erdenkliche Einkommens-Situationen. Reich, sehr reich, absurd reich. Genug für ein sorgenfreies Leben,  mit ein bisschen Planung gerade ausreichend, ziemlich wenig. An der Grenze zu arm, arm, sehr arm. Und dann gibt es noch Menschen, die gar nichts haben. Also überhaupt gar nichts. Nur allzu verständlicherweise sind wir, diejenigen mit den offenkundig finanziell gesicherten Verhältnissen, da gern gesehene Ansprechpartner.

So kommt es, dass zum Beispiel in der Metro eine junge Frau vor einem steht, in der Hand einen Pappbecher, und auf dem Arm ein offensichtlich bedürftiges Kleinkind. Keine einfache Situation. Besonders dann, wenn man genau in diesem Moment auf seinem 500 Euro teuren iPhone herumspielt – was in der Regel auf über die Hälfte der Metro-Passagiere zutrifft. Was nun also tun? Umgerechnet 20 Cent in den Becher werfen, und dafür mehrere devote Verbeugungen entgegen nehmen? Oder einen verhältnismäßig großen Schein rüber reichen, und so die vorwurfsvollen Blicke, die einen alle wortlos als Großkotz betiteln, auf sich ziehen? Oder lieber einfach so tun, als ob man die Frau mit Kind und Becher, die in 20 Zentimeter Entfernung vor einem steht, gar nicht sieht, weil man mit besagtem Handy viel zu beschäftigt ist? Wer letzteren Vorschlag ernsthaft in Betracht zieht, dem möchte ich zu bedenken geben: Es gibt sicher wenige Situationen, in denen man von Außen betrachtet dermaßen lächerlich ausschaut wie in diesem Fall.

Zu jenem Thema im weitesten Sinne passt ein Erlebnis in der Wiesbadener Füßgängerzone von vor ein paar Jahren. Da hatte ich irgendwo 10 Euro zu viel Wechselgeld raus bekommen. Das Geld wollte ich weder behalten noch zurück bringen. Warum also nicht jemand Anderem eine Freude damit machen? So gab ich den besagten Schein an einen jungen Mann, der ohne erkennbare Zukunftsperspektive, dafür aber mit einem knuffigen Hundchen neben sich, vor der Kirche auf einer rotkarierten Decke saß. So. Und der holt, ohne zumindest abzuwarten bis ich außer Hörweite bin, sein Handy heraus, ruft seinen Freund an und sagt original: ‚Meine Situation hat sich gerade geändert. Ich komm‘ mit ’em Taxometer raus gefahren.‘ (Wichtige Anmerkung hierzu: Ich möchte diese Begebenheit als Einzelfall verstanden wissen. Danke.)

Ich finde es immer arg irritierend wenn jemand sagt, dass er zum Beispiel nicht nach Indien reisen kann/will, weil er die vielen bettelnden Kinder dort nicht ertragen kann/will. Natürlich sind das wenig entspannende Momente, sicher für alle Beteiligten. Zumal dabei auch noch komplexe Fragen bezüglich Gerechtigkeit, Großzügigkeit und nicht zuletzt Lebenssinn laut werden. Ein in diesem Zusammenhang oft gehörtes Argument: ‚Die sind ja gar nicht echt. Die gehören doch alle zu dieser Krüppel-Mafia. Und so was darf man nicht unterstützen!‘
Wie, nicht echt? Nicht echt arm? Und Krüppel-Mafia? Klingt nicht gerade nach einem fairen Arbeitgeber, bei dem man die Leute gut aufgehoben weiß. Bei dieser Gelegenheit ganz kurz am Rande: Indien ist ein herrlich schönes Land. Manche Menschen dort sind reich, manche sind arm – genauso wie fast überall. Gibt also keinen Grund, vor einer Reise dorthin ‚Angst‘ zu haben.

Also: Was ist nun korrekterweise zu tun, wenn man morgens um 2 aus einem überteuerten Restaurant heraus stolpert, und über einen Mann steigen muss, der in der Kälte der Nacht ungeschützt neben dem Mülleimer liegt und einen kleinen Hut vor sich liegen hat?

Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Ich mach’s so: Ich mache mir klar, dass – aus welchen Gründen auch immer – die Rollen durchaus anders herum verteilt sein könnten. Und dann gebe ich gerne ein bisschen von dem ab was unter anderen Schicksalswendungen, an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit, auch genauso gut meinem Gegenüber gehören könnte. Und falls mein einer Euro ausnahmsweise tatsächlich in dunklen Kanälen verschwinden sollte – dann ist das ein kleines Risiko, das ich ohne weiteres eingehen kann/will.

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