Trash Talk

2 Tage, 2 Personen // 两个日, 两个人

2 Tage, 2 Personen // 两个日, 两个人

In Shanghai fallen täglich 20.000 Tonnen Abfall an. Täglich.

Beim Thema Verpackungen trifft man hier generell auf eine (für unser Verständnis) relativ unlogische Vorgehensweise. Tendenziell abdeckungsbedürftige Lebensmittel wie Fleisch und Fisch, Gemüse und Obst sind sowohl im Supermarkt als auch an den Straßenständen unverpackt zu erwerben. Dies sicherlich im Hinblick darauf, dass der Kunde es gewohnt ist, sich in mühevoller Kleinarbeit die seines Erachtens nach schönsten Exemplare einzeln heraus zu suchen. Ist etwas von Herstellerseite aus jedoch abgepackt – dann aber richtig! Im großen Beutel befinden sich zwei kleinere Beutel, die jeweils mehrere Portionstütchen beherbergen, und dann ist das eigentliche Produkt einzeln nochmals in zwei Papierchen eingehüllt.

Somit entsteht, ganz egal wie man es anstellt, in jedem Haushalt bereits nach kurzer Zeit ein beachtlicher Berg an Abfall. Der in einem großen Eimer im Hausflur jeder Etage gesammelt und täglich entsorgt wird. An fast jedem Gebäude gibt es eine Art Müllgarage, in der erstmal alles zusammen kommt. Und dort wird später jede Tüte geöffnet und nach Plastik und Pappe durchsucht. Nicht nur im Hochsommer merkt man schon von Weitem, wenn man sich einer solchen Garage nähert.

Recycler On Bicycle // 收集者骑自行车

Recycler On Bicycle // 收集者骑自行车

So, und wie werden diese täglich anfallenden 20.000 Tonnen nun entsorgt?
Dreiviertel davon landet auf Deponien, in Verbrennungsöfen und Kompostieranlagen.
Und die restlichen 5.000?
Die werden von sogenannten Recyclern, von denen es in dieser Stadt schätzungsweise 200.000 gibt, gesammelt und einer Weiterverwertung zugeführt. Recycler betreiben quasi mobile Wertstoffhöfe, und nehmen Plastikflaschen, Pappe und Styropor persönlich entgegen. Sie stehen mit ihren kleinen Wagen stundenweise an einem bestimmten Ort, oder sie kommen direkt an die Wohnungstüre, wiegen die in Empfang genommene Menge ab und zahlen einen kleinen Geldbetrag aus (denn es handelt sich hierbei um eine geschäftliche Transaktion, keine Spendenübergabe). Danach geht es weiter zum Recycling-Center außerhalb der Stadt, wo das Material mit einem kleinen Aufpreis weiterverkauft wird, um danach an Papier- und Kunststofffabriken ausgeliefert zu werden.

Mit dem Sammeln und Verkaufen von 100 Kilo (!) kann man am Tag etwa €10 (!) verdienen. In einer Stadt, in der der Mindestverdienst vor Kurzem auf €140 pro Monat angehoben (!) wurde, ist dies eine vergleichsweise attraktive Verdienstmöglichkeit. Gut, wir sprechen hierbei natürlich von einem 18-Stunden-Tag: Noch vor Sonnenaufgang außerhalb der Stadtgrenze abladen, und dann bis spät in die Nacht zum Einsammeln unterwegs sein. Und dies jeden Tag der Woche, das ganze Jahr hindurch. Bei Kälte, Hitze und Regen. Und von all dem gibt es hier sehr viel.

Die Recycler sind ganz ohne Frage sowohl ehren- als auch bewundernswerte Leute. Auf die Frage, ob er seinen Job als von der Bevölkerung entsprechend anerkannt betrachte, antwortete einer von ihnen auf sehr gelungene Art und Weise:

The Shanghai residents I collect from treat me as a friend.
Actually, they are happier to see me than the postman.
The mail just brings bills – I bring cash.

Ein schönes Bild. Erstellt von einem Mann, der zu recht stolz ist auf seine Arbeit. Die keiner von uns machen wollte, schon gar nicht zu solch einem Verdienst, von der aber alle Beteiligten profitieren.

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