Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf

Die Zukunft ist abgeschafft, ich plane nichts, ich hoffe nichts, ich freue mich auf nichts außer den heutigen Tag.

Mit diesem Artikel mache ich mal eine Ausnahme.
Eine wahrscheinlich einmalige Ausnahme.

Kein Buchtitel als Überschrift.
Obwohl das in diesem Fall kein Problem gewesen wäre.
Keine chinesische Übersetzung in der Bildbeschreibung.
Weil sein Name für sich alleine stehen soll.
Keine ‚echte‘ Kategorie.
Weil ich dafür keine habe. Und auch beim besten Willen keine finden konnte.

Von wem ist hier die Rede?
Wolfgang Herrndorf ist ein deutscher Schriftsteller, der im letzten Jahr zwei Romane veröffentlicht hat, die aktuell sowohl hochgelobt als auch sehr erfolgreich sind. Tschick und Sand. Das ist aber nicht der eigentliche Punkt. Seit Anfang 2010 lebt er mit einer Hirntumor-Diagnose. Nicht heilbar, maximal 17 Monate hieß es seinerzeit. In Reaktion auf die plötzlich drastisch verkürzte Lebenserwartung hat er die beiden besagten (seit Jahren bereits angefangenen) Geschichten fertig geschrieben. In einer Zeitspanne, die er unter anderen Umständen wahrscheinlich selbst nicht für möglich gehalten hätte. Heraus gekommen sind zwei famose Erzählungen. Eigenwillig und fesselnd, zum Kopfschütteln und Lachen und Wundern und Wütend werden, absurd und lebensnah zugleich.

Daneben dokumentiert er im Blog Arbeit & Struktur seinen Alltag inklusive persönlicher Gedanken seit er von seiner Krankheit erfahren hat. Und auch dies in einer Form, die ihresgleichen sucht. Und nicht finden wird. Ohne jeglichen Pathos oder Selbstmitleid. Mit lakonischem Humor und abgrundtiefer Verzweiflung, trotzig und besonnen, ununterbrochen Bilder vor Augen schaffend, die man so schnell nicht vergessen kann, nicht vergessen will. Aus fast jedem Satz ruft es einem entgegen: Im Angesicht einer begrenzten Lebenszeit (die wir ja alle haben, und sei es nun eine Woche oder die noch erhofften 50 Jahre) – weg mit den unnötigen Dingen! Kein Aufschieben mehr, noch nicht mal auf morgen. Keine Blabla-Gespräche mit Menschen, die einem nichts bedeuten. Kein zwanzigmaliges Überdenken von irgendwelchen Entscheidungen, deren Fortlauf man ohnehin nicht beeinflussen kann. Kein sinnloses Bereuen von Dingen, die sowieso nicht mehr zu ändern sind.

Machen und leben.
Hier, heute und jetzt.
Mit Arbeit und Struktur.

Hätte ich eine Liste von Menschen, denen ich gerne einmal begegnen würde, er wäre dort auf Platz 1. Und dann käme sehr, sehr lange erstmal niemand mehr.

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