Alle sieben Wellen

Huangpu River // 黄浦江

Huangpu River // 黄浦江

Im Januar kam ich in der sicheren Annahme hierher, dass sich meine Eingewöhnungszeit maximal auf ein paar Tage erstrecken würde. Weit gereist und von Natur aus weltoffen sah ich da keine nennenswerten Probleme auf mich zukommen. Daher habe ich es auch konsequent unterlassen, mich im Vorfeld mal mit der Frage zu beschäftigen wie es sich denn so lebt in einem Land, in dem man kein Wort versteht, vom Lesen mal ganz zu schweigen. Große Verwirrung bereiteten mir dann die wie aus dem Nichts kommenden emotionalen Schwankungen, denen ich teilweise hilflos gegenüber stand. Erschwerend kam hinzu, dass ich mit meinen wenigen, neuen Bekanntschaften noch in der Anfangsphase war, in der man seine Persönlichkeit ein ganz klein wenig erfolgreicher, mutiger und gelassener darstellt als unter normalen Umständen. Heißt, ich musste dauernd mit anhören wie alle Anderen scheints Null Komma Null Schwierigkeiten hatten, sich einzufinden. Und das bei allem. Und jedem.

In einem unserer Community-Heftchen gab es dann vor ein paar Wochen einen Bericht zum Thema: Welche Stadien machen alle Expats hier durch – und was bedeutet das? Alle? Na, so weit ist es ja Gott sei Dank noch nicht. Aber kurz reinschauen konnte ja nicht schaden, einfach mal sehen, wie die Anderen so ticken. Gleich vorneweg wurde gesagt, dass die Dauer der einzelnen Phasen individuell stark variieren kann, und zwischen einigen Tagen und mehreren Jahren sei alles möglich.

Und dies waren die genannten Punkte:

  • Phase 1: Grenzenlose Euphorie. Neustart. Mutig biste gewesen, und das wird sicher sofort belohnt. Tausende von erste Male liegen vor dir. Neue Stadt. Neue Freunde. Neues Ich.
  • Phase 2: Erste Hindernisse. Oha, doch nicht ganz so einfach wie gedacht das Ganze. Vehemente Sprachprobleme, die den Alltag auch im allerkleinsten Unterpunkt stark verkomplizieren. Aber: Aller Anfang ist schwer. Wird schon.
  • Phase 3: Handfeste Verzweiflung. Bitterste Erkenntnis: Die Sprache lernt sich nicht von alleine. Zweitbitterste: Eben mal Heim fahren ist nicht. Drittbitterste: Auch hier hat keiner extra auf dich gewartet.
  • Phase 4: Mut der Verzweiflung. Jetzt aber! Du schaffst das schon! Willst es doch vor allem dir, aber natürlich auch den Anderen beweisen. Also los!
  • Phase 5: Eskalation. Nun wird’s eng. Wer jetzt nicht vertraglich gebunden ist – der sitzt im Flieger. Rückblickend natürlich keine ganz so gute Bilanz. Ist einem in dem Moment aber schnurzpiepegal. Wirklich.
  • Phase 6: Unverhofftes Gefühl von Freiheit. Von eben auf jetzt. Wie wenn man eine große Aufgabe erfolgreich abgeschlossen hat. Hat man ja tatsächlich, irgendwie. Vergleichbar mit Phase 1, fühlt sich aber richtiger an. Realistischer. Durch Erfahrungen und kleine Niederlagen selbst erworben. Und daher auch verdient.
  • Phase 7: Glücklich hier zu sein. Trotz aller Herausforderungen die noch kommen. Oder gerade deswegen. Meine Lieblingsphase.

Hatte mich geirrt. Denn ich war mit dabei. Alle Phasen. In exakt dieser Reihenfolge. In genau der beschriebenen Stärke, sowohl in Richtung gut, als auch nach unten hin. Aber jetzt scheine ich damit durch zu sein. Bin wohl doch irgendwie wie Alle. Ist aber gar nicht so schlimm. Und gut getan zu lesen, dass es den ‚Anderen‘ ähnlich geht, hat’s auch. Bin aber froh, dass ich anscheinend nicht in die Gruppe ‚dauert mehrere Jahre‘ gehöre. Also auch hier: Durchschnittliches Mittelmaß. Naja, in diesem Zusammenhang schon okay so.

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