Extrem laut und unglaublich nah

Muifa // 旋风

Muifa // 旋风

Taifunwarnung. Das Wort kenne ich eher aus der Fernsehzeitschrift und vielleicht noch aus dem Wörterbuch. Ende letzter Woche erschien es dann auf der lokalen, englischsprachigen Nachrichtenseite Shanghai Daily, untermalt von Fotos mit eher apokalyptischem Tenor. Super-Taifun ‚Muifa‘ ist im Anmarsch. Alarm! Nun gut. Wir haben die meisten Ankündigungen im Vorfeld ja gar nicht richtig mitbekommen. Erst im Nachhinein habe ich zum Beispiel erfahren, dass jene Frau, die den gesamten Freitagnachmittag mit einem plärrenden Megaphon in der Hand durch unsere Siedlung gelaufen ist – und die ich für eine übereifrige Immobilienverkäuferin gehalten habe – auf diese Weise Verhaltenstipps fürs Wochenende durchgegeben hat. Im Internet wurde geraten, Wasservorräte einzukaufen und vorsorglich Bargeld abzuheben. Weiß nicht genau, was man dann gegebenenfalls damit hätte machen sollen, aber ich musste ohnehin mal wieder zum Automaten.

Am Samstag hat es tagsüber überdurchschnittlich stark gewittert, was für die hiesigen Verhältnisse schon etwas heißt. Besonders erwähnt sei in diesem Zusammenhang mein Jürgen, der gerade in solchen Momenten eine nahezu übernatürliche Gelassenheit an den Tag legt. Als draußen der Regen in horizontaler Richtung am Fenster vorbei sauste, und ich meine Freundin anrufen und nach ihrem Flug fragen wollte, meinte Jürgen er sähe da jetzt keinen Grund, warum die Flughäfen gesperrt sein sollten.

Irgendwie anders als sonst, wenn es stürmisch ist, wurde es dann in der Nacht auf Sonntag. Immer wieder bin ich aufgewacht. Und habe zugeschaut, wie sich der Vorhang aufbläht und ich jeweils für einen kurzen Moment die Lichter an den Häusern gegenüber sehen konnte. Habe das Geräusch des in Intervallen gegen die Scheibe prasselnden Regens gehört. Und dann der Wind. Wie wenn jemand Riesengroßes draußen vor dem Fenster steht und ein irres Aufheben um seine Anwesenheit macht. Und ich dachte mir: Ja, wir haben dich bemerkt. Jetzt kannst du weitergehen. Und hoffentlich bist du alleine hier, und hast nicht noch eine ganze Gruppe von deiner Sorte mit im Schlepptau.

Er war alleine. Und er hat den ganzen Sonntag noch bei uns verbracht. Mal lauter, mal ein bisschen müde. Und dann hat er irgendwann anscheinend keine Lust mehr gehabt. Und ist schließlich doch weitergegangen. Und mitgenommen hat er auch nichts.

Wir sitzen hier in einem stabil gebauten Haus, der Strom ist nur ganz kurz mal ausgefallen, und wir haben einen vollen Kühlschrank. Plus besagtes Bargeld. Kurz: wir brauchen uns weder um unsere Hütte noch um unsere Jahresernte zu sorgen. Wir. An der Küste sind Tausende von Menschen evakuiert worden, und ich weiß noch nicht mal genau, was das eigentlich heißt. Wo geht man denn da hin, und was kann man dorthin mitnehmen? Ich will mir nicht immer gleich das Allerschlimmste ausmalen. Aber ich habe einigen Respekt dazu gewonnen. Vor Ereignissen, die von Niemandem beeinflusst werden können. Auch wenn man das nicht so gerne wahr haben möchte.

Mit Frauennamen für unangenehme Naturerscheinungen hat man es hier übrigens nicht so. ‚Muifa‘ ist der Name einer Blumensorte. Dahinter steht die Vorstellung, dass man dem Sturm einen freundlichen Namen geben muss, damit er sich nicht noch mehr aufregt als ohnehin schon.

MUIFA. Stimmt. In der Tat ein sehr guter Name.

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