Am seidenen Faden

55. Etage // 层五十五

55. Etage // 层五十五

Glasfassaden sind in Shanghai ein gerne verwendetes architektonisches Element. Und weil es hier oft regnet, und die Luft ohnehin recht staubig ist, müssen diese enormen Fensterflächen andauernd gereinigt werden. Um dies zu erledigen binden sich die hiesigen Fensterputzer einen Strick um die Taille, seilen sich unter teilweise haarsträubenden Umständen an der Außenwand ab, und baumeln in schwindelerregenden Höhen von Glasscheibe zu Glasscheibe. Nicht selten stockt einem der Atem, wenn man so eine Aktion von unten beobachtet. Oder wie in diesem Fall vom Apartment meiner Freundin Silke aus, der auch dieses Foto zu verdanken ist. Erstaunlicherweise habe ich aber schon mehrfach gelesen, dass der Job des Fensterputzers offenbar noch einer der beliebteren ist, weil: man selbständig arbeiten kann, mit freier Zeiteinteilung und bei relativ guter Bezahlung.

100. Etage // 层一百

100. Etage // 层一百

Auch der die Skyline so charakteristisch prägende World Financial Tower, dessen Außenhaut komplett aus Glas besteht, bietet bei jedem Besuch einen Blick auf mindestens einen Reinigungstrupp in Aktion. In einer etwas klapprig erscheinenden (und durch den in knapp 500 Metern Höhe grundsätzlich vorhandenen Wind sichtbar schaukelnden) Gondel werden jeweils drei Personen in die Tiefe herabgelassen, die dann meisten auch noch gut gelaunt für die Turmbesucher und deren Kameras posieren.

Vogelperspektive // 鸟瞰

Vogelperspektive // 鸟瞰

Bei diesem Anblick relativieren sich Themen wie ergonomisch falsch bemessene Sitzbälle, spiegelnde Monitore und der fehlende Blick ins Grüne vom Arbeitsplatz aus. Zu gegebener Zeit kann das alles ganz schön nerven – keine Frage. Und es ist ja auch sehr gut, dass es diesen Komfort in unserer Arbeitswelt gibt. Aber es ist eben eine Besonderheit. Das wird mir hier pausenlos vor Augen geführt. Und ich nehme mir fest vor, das auch so schnell nicht wieder zu vergessen.

Zum Thema ‚Arbeiten unter Extrembedingungen‘ noch eine kleine, persönlich erlebte Geschichte:
Im letzten Herbst ging unsere Klimaanlage in der Wohnung kaputt. Somit wurde eine Reparatur des Ventilators nötig, der neben dem Fenster außen am Gebäude befestigt ist. Unser Vermieter Herr Guo kam also gemeinsam mit einem sehr freundlichen, aber für hiesige Verhältnisse körperlich recht umfangreichen Arbeiter vorbei. Besagte Fenster sind relativ schmal, und die Flügel gehen teilweise auch nicht komplett auf, es war mir also generell ein Rätsel, wie der Mann auf diesem Weg überhaupt nach draußen kommen sollte. Herr Guo sah mir die Zweifel wohl an, und erklärte sofort, er sei auch nicht glücklich über die Auswahl des Arbeiters. Er habe extra einen kleinen, dünnen Mann bestellt – und jetzt das!

Der nette, ein bisschen runde Mann gelangte dennoch erfolgreich nach draußen, gesichert mit einem dünnen Strick, befestigt an einem schmalen Fensterholm, alles made in China. An seiner Gestik war ihm zweifelsfrei anzusehen, dass er Angst hatte. Herr Guo schaute ebenfalls etwas nervös herum, und ich stand daneben und war von der Situation im Gesamten überfordert. Wir drei waren also ganz stark erleichtert, als nach einer guten halben Stunde das Problem behoben war, und wir wieder im Wohnzimmer beieinander standen. Herr Guo klopfte dem Herrn Arbeiter anerkennend auf die Schulter, dieser lachte erleichtert, ich schüttelte übermütig seine Hand, er senkte verlegen den Kopf und lachte noch mehr. Es war überstanden. Zumindest für den Moment. Denn die Gewissheit, dass er als nächstes zu einem wahrscheinlich ähnlich gelagerten Job fahren musste, und sich die nächste Anlage eventuell nicht nur im 9. Stock befinden würde, relativierte den Zauber des Momentes ein wenig.

Kosten der Handwerkerleistung: 12 Euro.
Inklusive Anfahrt (an einem Sonntag), Arbeitszeit (45 Minuten), Material, Gebühr für die Firma, etc…
Leicht zu errechnen, was für den wagemutigen Herrn übrig bleiben wird.
Der inzwischen hoffentlich einen anderen Job gefunden hat.
Einen, bei dem er immer festen Boden unter seinen Füßen hat.

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