Chinesisch für Anfänger

Frog in a well // 井底之蛙

Frog in a well // 井底之蛙

Neulich fragt mich ein netter Berliner, der selber nicht nur seit einigen Jahren hier wohnt, sondern auch noch sein eigenes Geschäft führt: ‚Was versprichst du dir eigentlich davon, Chinesisch zu lernen?‘ Im ersten Moment eine etwas bizarre Frage. Aber zumindest unter praktischen Gesichtspunkten doch nicht völlig abwegig.

Wann immer mir Jürgen erzählt hat, dass seine Kollegen jahrelang hier leben und kein einziges Wort der Landessprache beherrschen, habe ich mich gewundert, wie die denn über die Runden kommen. Da sich mein Chinesisch aktuell auch nicht gerade an der Grenze zum ‚native speaker‘ befindet, und wir weder verhungert noch irgendwo in der Stadt gestrandet sind, muss ich zu meinem eigenen Erstaunen feststellen: es ist machbar. Mit point it-Büchlein, mit Gesten und Mimik, im Notfall mit kleinen Zeichnungen.

Am Anfang habe ich mich noch ganz locker gemacht. Egal, ob am Gemüsestand die falsche Sorte in meine Tüte gepackt wurde, oder ich im Restaurant der Meinung war, zuviel bezahlen zu müssen. So ist es halt, wenn man nicht weiß, wie das alles heißt. Nun ist das aber auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung. Und auch der Gedanke daran, dass man eventuell mal einen Notfall erklären muss, macht mich manchmal ein bisschen nervös.

Chinesisch ist von der Grammatik her nicht so kompliziert wie unser Deutsch. Verben konjugieren, Plusquamperfekt, Infinitiv 1 und 2, all das gibt es nicht. Dafür hat man die Schwierigkeit des Satzbaus, und vor allem der richtigen Betonung. Ein in Lautschrift aus zwei Buchstaben bestehendes, also nicht ganz so kompliziertes Wort, kann mehrere komplett unterschiedliche Bedeutungen haben. Ein Beispiel: ‚ma‘ heißt je nach Aussprache entweder Mutter, oder Pferd, oder wischen, oder beschimpfen, oder es macht den ganzen voran gehenden Satz zu einer Frage. Gut, ist natürlich aus dem Zusammenhang heraus zu erkennen, aber wenn man den auch nicht versteht, dann wird’s eng.

Das Gute hier ist, dass niemand ernsthaft erwartet, dass jemand mit meinem Aussehen Chinesisch sprechen kann. Umso größer ist dann die Freude auf beiden Seiten, wenn ich zur Überraschung aller doch ein paar verständliche Worte äußern kann.

Nun muss man sagen, dass die Chinesen, und zwar ausnahmslos alle, denen ich bisher begegnet bin, sehr zuvorkommend und geduldig sind, wenn es darum geht, meine Artikulationsversuche zu deuten. Im Gegensatz zu den von mir immer wieder gerne erwähnten Franzosen, die mich mit ihrer Arroganz die eigene Sprache betreffend so sehr geärgert haben, dass wir uns vor ein paar Jahren gezwungen sahen, eine auf 4 Wochen angelegte Rundreise kurzerhand abzubrechen. Weswegen wir 5 Tage und über 3.000 gefahrene Kilometer später schon wieder zurück in Wiesbaden waren. Aber dies nur am Rande.

Wir haben hier eine sehr nette Sprachlehrerin gefunden, mit Namen Bennie. Die ersten Minuten des Unterrichts verwenden wir immer dafür, dass ich ihr Mitteilungen aus dem Briefkasten, Aushänge im Hausflur oder Zubereitungsanleitungen auf Essenssachen zeige, und sie mir das dann übersetzt. Anfänglich erschien mir diese Vorgehensweise etwas unbeholfen, aber inzwischen haben wir beide Spaß daran.

Am Ende unseres Lehrbuches steht eine in China jedem bekannte Fabel: ‚Frog in a well‘. Sie handelt von einem Frosch, der auf dem Boden eines Brunnens sitzt und sich darüber wundert, warum die Vorbeigehenden von einem so riesengroßen Himmel sprechen, obwohl in seiner Welt der Himmel nur so groß ist wie die Öffnung des Brunnens, zu der er hochschauen kann. Hauptaussage dieser Geschichte ist, dass wir alle naturgemäß in unserem Blickwinkel limitiert sind und daher von der Aussicht der Anderen profitieren sollten.

So. Und bevor ich diese Geschichte nicht fehlerfrei auf Chinesisch erzählen kann, voher gehe ich nicht zurück.

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